Wirkt Coaching wirklich? Eine ehrliche Antwort auf eine unbequeme Frage
Coaching ist längst überall angekommen: Es gibt Coaches für Führung, für Karriere, für den Wiedereinstieg, und irgendwo da draußen vermutlich auch jemanden, der einem beibringt, entspannter auf E-Mails zu reagieren. Bei so viel Angebot stellt sich früher oder später eine berechtigte Frage – bringt das eigentlich etwas, oder ist es am Ende ein sympathisches Gespräch mit anschließender Rechnung?
Die gute Nachricht vorweg ist, dass Coaching tatsächlich wirkt. Die ehrliche folgt gleich hinterher, denn es wirkt weder überall gleich gut noch auf Knopfdruck. Wer das versteht, geht mit deutlich realistischeren Erwartungen in einen Prozess und bekommt am Ende meistens auch mehr heraus.
Coaching ist kein Zaubertrick, sondern Handwerk
Fangen wir mit der wichtigsten Enttäuschung an: Coaching verwandelt niemanden über Nacht in eine andere Person. Wer erwartet, nach drei Terminen als gelassene Führungspersönlichkeit mit unerschütterlichem Selbstvertrauen aus dem Raum zu schweben, wird das Gefühl kennen, das man auch nach dem ersten Fitnessstudio-Besuch hat: Der Sixpack lässt noch auf sich warten.
Was die Forschung inzwischen recht gut zeigen kann, ist deutlich weniger spektakulär und dafür umso brauchbarer. Untersuchungen, die Coaching mit vergleichbaren Gruppen ohne Begleitung vergleichen, kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass Coaching einen echten, verlässlichen Effekt hat (Nicolau et al., 2023). Er ist nicht riesig, aber er ist real – und er hält Vergleichen stand, an denen viele wohlklingende Versprechen scheitern.
Am besten wirkt Coaching dort, wo man ins Handeln kommt
Interessanter als die Frage „Wirkt es?" ist die Frage „Worauf?". Und hier wird es für alle spannend, die einen konkreten Nutzen suchen.
Coaching entfaltet seine größte Stärke beim Verhalten – also bei dem, was Sie tatsächlich tun. Ganz besonders wirksam ist es, wenn es darum geht, Klarheit zu gewinnen, sich Ziele zu setzen und Strategien zu entwickeln, um dort auch hinzukommen (Nicolau et al., 2023). Man verlässt ein gutes Coaching selten mit einer komplett neuen Persönlichkeit, aber oft mit einem erstaunlich klaren Plan und dem Gefühl, endlich zu wissen, was der nächste Schritt ist.
Etwas schwerer tut sich Coaching mit tief sitzenden Einstellungen und Haltungen. Das ist keine Schwäche des Coachings, sondern eine Eigenschaft des Menschen: Überzeugungen, die wir seit Jahren mit uns herumtragen, geben nicht klein bei, nur weil jemand freundlich nachfragt. Sie verändern sich – aber langsamer, und sie brauchen vor allem Zeit statt Tempo (Nicolau et al., 2023).
Der unterschätzte Nebeneffekt: mehr Zutrauen
Es gibt einen Bereich, in dem Coaching regelmäßig positiv überrascht. Menschen, die gecoacht werden, entwickeln mehr Vertrauen in die eigene Wirksamkeit und mehr Widerstandskraft, wenn es holprig wird (Nicolau et al., 2023). Das klingt weich, ist aber im Alltag Gold wert – gerade in beruflichen Umbruchphasen.
Denn meistens fehlt es Menschen in solchen Situationen nicht am Können. Es fehlt das Zutrauen, dieses Können unter neuen, ungewohnten Bedingungen auch einzusetzen. Ein Coaching arbeitet genau an dieser Stelle: Es hilft, eigene Stärken wieder sichtbar zu machen, kleine Erfolge bewusst wahrzunehmen und daraus die Zuversicht zu ziehen, dass der nächste Schritt machbar ist.
Mehr Sitzungen sind nicht automatisch besser
Jetzt eine Nachricht, die Ihr Budget freuen dürfte: Mehr ist nicht gleich mehr. Die Anzahl der Sitzungen entscheidet nicht darüber, wie gut ein Coaching wirkt (Nicolau et al., 2023). Ein Prozess wird nicht dadurch wertvoller, dass man ihn künstlich in die Länge zieht.
Sinnvoller ist es, die Termine am tatsächlichen Bedarf auszurichten, statt einem starren Wochenrhythmus zu folgen, nur weil er im Kalender steht. Manchmal braucht ein Thema drei intensive Gespräche, manchmal begleitet ein Ziel einen über Monate. Ein guter Coach zwingt niemanden in ein Zehnerpaket, das eher der eigenen Auslastung dient als Ihrem Anliegen.
Woran man erkennt, dass Coaching gut ist
Ob Coaching wirkt, hängt am Ende weniger vom Methodenkoffer ab als von der Qualität der Beziehung. Studien, die besonders wirksame Coaches unter die Lupe genommen haben, kommen immer wieder auf dieselben Zutaten: Vertrauen, Ehrlichkeit und ein Raum, in dem man auch unbequeme Dinge aussprechen darf, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen (Adele & Ellinger, 2024).
Ein Merkmal ist dabei besonders aufschlussreich: Gute Coaches hören selbst nicht auf zu lernen. Wer andere in ihrer Entwicklung begleitet, aber die eigene für abgeschlossen hält, ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Ernährungsberater mit Pommes in der Hand. Wirksame Begleitung lebt davon, dass die Haltung, die man vermittelt, auch vorgelebt wird (Adele & Ellinger, 2024).
Also: Lohnt sich Coaching?
Die kurze Antwort lautet: ja – wenn Sie wissen, was Sie erwarten dürfen. Coaching ist kein Wundermittel und keine Abkürzung zu einem neuen Ich. Es ist ein verlässliches Werkzeug, um klarer zu denken, ins Handeln zu kommen und das Zutrauen aufzubauen, das für den nächsten Schritt nötig ist.
Wer mit dieser Erwartung startet, wird selten enttäuscht. Und wer immer noch auf den Zaubertrick hofft: Den gibt es nicht. Aber ehrlich gesagt ist ein guter Plan und etwas mehr Vertrauen in sich selbst auf Dauer sowieso das bessere Kunststück.
Quellen:
Adele, B., & Ellinger, A. D. (2024). Managerial coaches' enacted behaviors and the beliefs that guide them: Perspectives from managers and their coachees. Frontiers in Psychology, 14, Article 1154593. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1154593
Nicolau, A., Candel, O. S., Constantin, T., & Kleingeld, A. (2023). The effects of executive coaching on behaviors, attitudes, and personal characteristics: A meta-analysis of randomized control trial studies. Frontiers in Psychology, 14, Article 1089797. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2023.1089797