Methoden im Coaching: Warum gute Fragen mehr bewirken als gute Ratschläge

Wenn Sie noch nie in einem Coaching waren, haben Sie vermutlich eine Vorstellung davon, wie das abläuft: Sie schildern Ihr Problem, und dann sagt Ihnen jemand, was zu tun ist. Das klingt effizient - wäre eher ein Gespräch mit Ihrer Freundin.

Im Coaching passiert etwas anderes: Sie bekommen keine Antworten, sondern Fragen. Das mag im ersten Moment enttäuschend klingen – dafür bezahle ich? Tatsächlich steckt dahinter die wirksamste Methode, die Coaching zu bieten hat. Und das ist keine Behauptung aus einem Werbeprospekt, sondern inzwischen gut erforscht.

Warum Ratschläge so selten funktionieren

Hand aufs Herz: Wann haben Sie zuletzt einen gut gemeinten Ratschlag umgesetzt? Eben. Ratschläge passen meist besser zum Leben desjenigen, der sie gibt, als zu Ihrem eigenen. Im Coaching werden Sie Ihre eigenen Lösungen entwickeln – weil sie zu Ihrer Situation, Ihren Möglichkeiten und Ihrem Alltag passen.

Die Aufgabe des Coaches ist es, diesen Denkprozess in Gang zu bringen. Das wichtigste Werkzeug dafür sind Fragen. Ein Forschungsteam der Universität Klagenfurt hat echte Coaching-Gespräche Wort für Wort analysiert und festgestellt: Fragen ziehen sich durch das gesamte Gespräch, von der ersten bis zur letzten Minute – und ein großer Teil davon zielt direkt darauf, Lösungen zu entwickeln (Fleischhacker, Graf & Kabatnik 2024). Coaches fragen also nicht aus Höflichkeit oder weil ihnen nichts Besseres einfällt. Sie fragen mit System.

Zwei Richtungen, in die eine Frage zeigen kann

Grob gesagt kann eine Coaching-Frage in zwei Richtungen blicken. Zurück auf das Problem: Wie zeigt es sich? Seit wann? Was macht es mit Ihnen? Oder nach vorn auf die Lösung: Was soll stattdessen sein? Was hat früher schon einmal funktioniert?

Aus der zweiten Richtung stammen zwei Fragen, die zu den Klassikern des Coachings gehören. Die erste ist die sogenannte Wunderfrage: Stellen Sie sich vor, über Nacht wäre Ihr Problem verschwunden – woran würden Sie es am nächsten Morgen als Erstes merken? Zugegeben, das klingt zunächst nach Esoterik-Wochenende. Ist es aber nicht. Die Frage zwingt Ihren Kopf, einmal probeweise ohne das Problem zu denken. Und genau dabei zeigt sich oft erstaunlich klar, was Sie eigentlich wollen.

Die zweite ist die Erfolgsfrage: Wann haben Sie eine ähnliche Situation schon einmal gemeistert – und wie? Die meisten Menschen sind ausgezeichnet darin, ihre Misserfolge zu archivieren, während die Erfolge irgendwo im Keller des Gedächtnisses verstauben. Diese Frage holt sie wieder hoch.

Was die Forschung dazu sagt

Ob solche Fragen wirklich etwas bewirken, hat ein Forschungsteam der Universität Amsterdam untersucht – mit Ärztinnen, Ärzten und Promovierenden, also Menschen, die beruflich einiges an Druck kennen (Solms et al. 2022). Die Teilnehmenden bearbeiteten ein echtes berufliches Anliegen, die einen mit problemorientierten Fragen, die anderen mit lösungsorientierten.

Das erste Ergebnis überrascht wenig: Wer sich mit Lösungen beschäftigte, fühlte sich danach besser – zuversichtlicher, energiegeladener, stärker auf das Ziel ausgerichtet als auf all das, was schiefgehen könnte. Wer eine Stunde lang sein Problem seziert, fühlt sich hinterher eher, als hätte er eine Stunde lang sein Problem seziert.

Das zweite Ergebnis überrascht dann doch: Beim Gefühl, der Lösung tatsächlich näherzukommen, lagen beide Gruppen gleichauf – auch noch Wochen später. Sich das eigene Problem einmal in Ruhe und strukturiert anzusehen, brachte die Menschen ebenfalls voran. Die Erklärung ist einleuchtend: Wer sein Anliegen klar benennt, hat den ersten Schritt der Veränderung schon gemacht. Nur wohnen bleiben sollte man im Problem nicht.

Für gutes Coaching heißt das: kein Entweder-oder. Ihr Anliegen bekommt den Raum, den es braucht – und dann wird der Blick konsequent nach vorn gerichtet. Was Coaching darüber hinaus nachweislich bewirkt, lesen Sie im Ratgeber-Artikel zur Wirksamkeit von Coaching.

Wie Lösungsarbeit im Gespräch konkret aussieht

Die Klagenfurter Untersuchung zeigt auch, wie diese Lösungsentwicklung Schritt für Schritt abläuft. Am Anfang stehen oft Fragen, die ein Zukunftsbild entwerfen: Was wird anders sein, wenn Sie es geschafft haben? Dann kommen Ihre Ressourcen ins Spiel – Stärken, Erfahrungen, Menschen, die Sie unterstützen. Auch Hindernisse dürfen auf den Tisch, denn schöne Pläne, die an der Realität zerschellen, gibt es schon genug. Erst danach wird es konkret: Was ist der nächste Schritt, und zwar einer, den Sie wirklich gehen werden – nicht der, der nur im Notizbuch gut aussieht? Und zwischendurch wird immer wieder Bilanz gezogen: Was hat sich seit dem letzten Gespräch bereits verändert?

Diese Reihenfolge ist kein Zufall. Veränderung beginnt im Kopf – neue Möglichkeiten müssen erst denkbar werden, bevor man sie planen kann. Wer sofort zur Maßnahmenliste springt, plant meist nur eine bessere Version des alten Trotts.

Was Sie davon haben

Falls Sie Coaching für sich in Erwägung ziehen – als Privatperson ebenso wie als Führungskraft: Achten Sie auf die Fragen. Ein guter Coach hört Ihrem Anliegen ernsthaft zu, verliert sich aber nicht wochenlang in der Problemanalyse. Und er verordnet Ihnen umgekehrt keinen Zwangsoptimismus – manchmal muss etwas erst ausgesprochen werden, bevor der Blick nach vorn frei ist.

Rechnen Sie außerdem damit, dass Sie auf manche Fragen keine direkte Antwort parat haben. Fragen, die Sie aus dem Stand beantworten können, hätten Sie sich auch selbst stellen können. Die wertvollen sind die, bei denen es im Kopf erst einmal still wird – und dann ein Gedanke auftaucht, den Sie so noch nicht gedacht haben.

Und schließlich: Sich nach einer Sitzung gut zu fühlen ist schön, aber nicht der Punkt. Die Amsterdamer Studie zeigt nüchtern, dass aus Zuversicht nicht automatisch Handlung wird. Deshalb gehört zu seriösem Coaching immer der Teil, der etwas unbequemer ist – konkrete nächste Schritte und beim nächsten Mal die freundliche, aber unbestechliche Frage, was daraus geworden ist.

Das Wichtigste in Kürze

Die zentrale Methode im Coaching ist die Frage – nicht der Ratschlag. Lösungsorientierte Fragen machen zuversichtlich und lenken den Blick auf das Ziel, der ehrliche Blick aufs Problem schafft Klarheit. Gutes Coaching verbindet beides und übersetzt die Erkenntnisse in konkrete Schritte. Oder kurz gesagt: Die richtige Frage zur richtigen Zeit bewegt mehr als der beste Ratschlag zur falschen.

Quellen

Fleischhacker, M., Graf, E.-M., & Kabatnik, S. (2024). Fragetypen zur Lösungsentwicklung im Business Coaching – Eine gesprächsanalytisch motivierte Untersuchung ihrer sprachlichen, frage- und interaktionstypspezifischen Charakteristika. Zeitschrift für Angewandte Linguistik81, 283–332. https://doi.org/10.1515/zfal-2024-2014

Solms, L., Koen, J., van Vianen, A. E. M., Theeboom, T., Beersma, B., de Pagter, A. P. J., & de Hoog, M. (2022). Simply effective? The differential effects of solution-focused and problem-focused coaching questions in a self-coaching writing exercise. Frontiers in Psychology13, Article 895439. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.895439

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