Systemische Aufstellung: Wenn Reden allein nicht weiterführt

Manche Themen lassen sich zerreden. Sie beschreiben eine Situation zum dritten Mal, analysieren sie sauber, kommen zu vernünftigen Schlüssen – und merken nach dem Coaching, dass sich nichts bewegt hat. Genau an dieser Stelle setzt die systemische Aufstellung an. Sie verlagert die Arbeit vom Reden ins Sehen.

Was in einer Aufstellung passiert

Die Grundidee ist unspektakulär. Statt über ein System zu sprechen – ein Team, eine Abteilung, ein berufliches Vorhaben mit allen Beteiligten, wird es im Raum dargestellt. Meistens genügen dafür Bodenanker, Figuren oder Stühle.

Sie stellen diese Elemente so auf, wie die Situation sich für Sie anfühlt: Wer steht nah beieinander, wer abgewandt, wer steht außerhalb und schaut zu? Was dabei entsteht, ist kein Abbild der Realität, sondern ein Abbild Ihrer inneren Landkarte dieser Realität. Und genau das ist der Punkt. Die Methode macht implizites Wissen sichtbar – jenes Erfahrungswissen über „wie es hier läuft", das Sie längst haben, aber selten in Worte fassen (Scholtens et al., 2024).

Die räumliche Darstellung wirkt dabei wie ein gemeinsames Zwischenobjekt: konkret genug, um darüber zu sprechen, offen genug, um neue Deutungen zuzulassen. Der Körper denkt hier mit – Nähe, Distanz und Blickrichtung werden nicht nur gedacht, sondern gespürt, und diese Wahrnehmung ist eine eigenständige Informationsquelle (Moncho Muñoz et al., 2026).

Was sich dabei zeigt

Die Erfahrung aus der Praxis und die vorliegenden Studien zeigen ein wiederkehrendes Muster: Aufstellungen verschieben die Fragestellung.

Ein Beispiel: Sie wollen beruflich etwas erreichen – eine neue Rolle, ein Projekt, den Schritt in die Selbstständigkeit – und verstehen nicht, warum es nicht vorangeht. In der Aufstellung platzieren Sie das Ziel, sich selbst und die Beteiligten. Häufig wird sichtbar, dass das Ziel gar nicht der schwierige Teil ist, sondern etwas anderes im Raum steht: eine Loyalität, eine ungeklärte Zuständigkeit, eine Erwartung, der Sie noch entsprechen wollen. Solange das unsichtbar bleibt, arbeiten Sie gegen eine Kraft, die Sie nicht benennen können.

Ein zweites Beispiel: Sie möchten Ihren Kolleginnen und Kollegen etwas sagen, schieben es aber seit Wochen vor sich her. In der Aufstellung stellen Sie sich an Ihre Position – und merken, dass Ihnen der Rücken wehtut, sobald Sie die Gruppe in den Blick nehmen. Diese körperliche Reaktion ist kein Nebengeräusch, sondern ein Hinweis darauf, wie viel Gewicht diese Information für Sie trägt. Von dort aus lässt sich weiterarbeiten: Wer müsste noch im Raum stehen, damit die Last kleiner wird? Was verändert sich, wenn Sie einen Schritt zur Seite gehen?

Ein drittes Beispiel aus dem Führungskontext: Was als Konflikt zwischen zwei Bereichen erscheint, zeigt sich in der Aufstellung als Symptom einer größeren Dynamik – etwa einer Aufgabe, für die sich seit der letzten Umstrukturierung niemand zuständig fühlt. Führungskräfte arbeiten in Systemen, deren wirksame Linien selten im Organigramm stehen. Informelle Allianzen, alte Loyalitäten und ungeklärte Rollenübergaben prägen den Alltag, tauchen aber in keiner Prozessbeschreibung auf.

Was die Forschung zeigt

Eine Übersichtsarbeit zur Anwendung in Organisationen fand quer durch die einbezogenen Studien wiederkehrende Effekte: mehr erlebte Handlungsmöglichkeiten und weniger Ohnmacht, größere Selbstwirksamkeit und Autonomie in beruflichen Beziehungen, weniger Konflikte auf der Aufgaben- wie auf der Beziehungsebene (Scholtens et al., 2021). Eine Evaluationsstudie aus dem Organisationskontext bestätigt das mit hohem erlebten Nutzen und gut umsetzbaren Lösungen – unabhängig davon, ob mit Stellvertretern oder im Einzelsetting gearbeitet wurde (Kolodej et al., 2016). In einer internationalen Befragung nennen Fachkräfte als Vorteile vor allem die erlebte Wirksamkeit, die Klarheit durch die Visualisierung und eine Wirkung, die über den Termin hinaus anhält (Scholtens et al., 2024).

Auch aus dem therapeutischen Bereich liegen kontrollierte Studien vor, die auf positive Effekte hindeuten (Konkolÿ Thege et al., 2021; Konkolÿ Thege & Szabó, 2024). Für systemisches Coaching insgesamt zeigt eine aktuelle Metaanalyse mittlere Effekte, am deutlichsten auf das tatsächliche Verhalten und die Zielerreichung (Bachmann & Willermann, 2024). Die Aufstellung ist ein Werkzeug innerhalb dieses Ansatzes – und sie wirkt dort, wo Sprache allein an ihre Grenze kommt.

Worauf Sie achten sollten

Die Forschung zur Aufstellungsarbeit ist jung, und die Fachwelt fordert selbst eine breitere wissenschaftliche Fundierung. Für Sie als Klientin oder Klient ist vor allem eines wichtig: Aufstellungsarbeit ist kein geschützter Begriff. Achten Sie auf eine fundierte Coaching- oder Beratungsausbildung, auf eine sorgfältige Vorbereitung und Nachbesprechung und darauf, dass die Teilnahme freiwillig bleibt – besonders im Teamkontext. Aufstellungsarbeit im Coaching ist zudem keine Therapie und ersetzt keine. Wo tiefer liegende persönliche Belastungen im Vordergrund stehen, gehört die Arbeit in therapeutische Hände.

Was eine Aufstellung liefert, ist keine Wahrheit über Ihr System. Es ist ein Bild, das Sie vorher nicht hatten – und daraus ein nächster Schritt, den Sie tatsächlich gehen können.

Quellen

Bachmann, T., & Willermann, L. M. A. (2024). Zur Wirksamkeit von systemischem Coaching im Arbeits- und Organisationskontext – Eine Metaanalyse. Organisationsberatung, Supervision, Coaching, 31(4), 563–583. https://doi.org/10.1007/s11613-024-00910-1

Kolodej, C., Schröder, J., & Kallus, K. W. (2016). Evaluation systemischer Strukturaufstellungen im Organisationskontext. Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO), 47(1), 61–71. https://doi.org/10.1007/s11612-016-0310-1

Konkolÿ Thege, B., Petroll, C., Rivas, C., & Scholtens, S. (2021). The effectiveness of family constellation therapy in improving mental health: A systematic review. Family Process, 60(2), 409–423. https://doi.org/10.1111/famp.12636

Konkolÿ Thege, B., & Szabó, G. S. (2024). The efficacy of pandemic-adjusted family/systemic constellation therapy in improving psychopathological symptoms: A randomized controlled trial. Journal of Psychiatric Research. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39053295/

Moncho Muñoz, J. A., Gómez Gómez, F., & González-Ladrón-de-Guevara, F. (2026). Systemic organizational constellations (SOC) as a soft methodology for complexity reduction and change: Epistemological and theoretical foundations. Systemic Practice and Action Research, 39, 15. https://doi.org/10.1007/s11213-026-09765-2

Scholtens, S., Petroll, C., Rivas, C., Fleer, J., & Konkolÿ Thege, B. (2021). Systemic constellations applied in organisations: A systematic review. Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO), 52(3), 537–550. https://doi.org/10.1007/s11612-021-00592-8

Scholtens, S., Boer, H., Kiltz, L., & Fleer, J. (2024). A systemic perspective on organizations: International experience with the systemic constellation method. Systemic Practice and Action Research, 37, 41–58. https://doi.org/10.1007/s11213-023-09642-2

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